Innovation trifft Erfahrung: Potenziale von Start-ups und der Verwaltung

Start-ups und Verwaltung: Zwei Welten, die auf dem ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Kaum ein Arbeitsfeld hat so ein angestaubtes Image wie das der öffentlichen Hand. Auf der anderen Seite die Start-ups-Szene: Innovation, neue Arbeitsweisen, junge Menschen, Diversity und der Einsatz von Technologie. Das sind (Vor-)Urteile: Die beiden Welten sind in sich geschlossen wenig vielfältig, jedoch untereinander unterschiedlich – schlußendlich liegt das Potenzial in genau diesem Unterschied. Start-ups und die Verwaltung können sich bereichern, wenn sie sich nähern, Synergien nutzen und schlussendlich gemeinsam Lösungen für unsere gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln. Um dahin zu kommen, braucht es neben der Entfaltung von Diversity die Umsetzung verschiedener Forderungen, die zu innovativen Ideen und einer kollaborativen Verwaltung führen. Diese werden im vorliegenden Fachbeitrag erläutert.

von | 27. 03. 2024 | Allgemein, Diversity

Zwei Welten die sich doch so nah sind und unterschiedlicher nicht sein könnten

Start-ups und Verwaltung. Zwei Welten, die auf dem ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die Verwaltung: Kaum ein Arbeitsumfeld hat so ein angestaubtes Image wie die öffentliche Hand. Gleichzeitig sorgt die Verwaltung dafür, dass unsere gesellschaftlichen Prozesse und Strukturen funktionieren und die öffentliche Sicherheit gewahrt wird. Sie steht für Unerschütterlichkeit, Sicherheit, Struktur ebenso wie für Zuverlässigkeit und Neutralität.

Auf der anderen Seite Start-ups: Innovation, neue Arbeitsweisen, junge Menschen und der Einsatz von Technologie sind Begriffe, die in diesem Zusammenhang fallen. Oft verbindet man mit Start-ups auch Diversität. Start-ups sind in der Regel komplett auf Wachstum ausgerichtet. Wir verbinden mit Start-ups auch deshalb Risiken, hohen Arbeitsaufwand, finanzielle Unsicherheit und großen Konkurrenzdruck.

Beide Seiten kämpfen mit vielen (Vor-)Urteilen – und können sich gleichzeitig bereichern, wenn sie sich nähern, Vorurteile überwinden, Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen, potenzielle Synergien nutzen und schlussendlich gemeinsam Lösungen für unsere gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln. Das ist es auch, was Diversity ausmacht. Diversity ist mit Vielfalt gleichzusetzen. Vielfalt und unterschiedlichen Eigenschaften, die Menschen aufweisen. Sie bietet Potenzial für Gleichbehandlung und Chancengleichheit in den Strukturen, in denen wir uns bewegen. Um Diversity zu erreichen, sind verschiedene Sichtweisen und Menschzentrierung wichtig. Beide Seiten müssen sich öffnen, denn ein divers aufgestelltes Team, welches aus Menschen verschiedener Hintergründe und Perspektiven besteht, kann zu einem breiteren Denkansatz und zu innovativen Ideen beitragen. Wir müssen zusammenarbeiten, um die Entwicklung von neuen Ideen voranzutreiben. Wir brauchen Technologie, um Prozesse zu automatisieren. Wir wollen verschiedene Sichtweisen, um passgenaue Lösungen zu erarbeiten. Wir müssen Barrieren beseitigen, die aktuell den Zugang von unterrepräsentierten Gruppen zu Unternehmensgründungen und Wachstum behindern. Wir brauchen den offenen Zugang zur Verwaltung, der z.B. für Menschen mit Migrationshintergrund das Ankommen in der Gesellschaft bedeutet.

Doch: Wie steht es eigentlich um Diversity in Start-ups im Vergleich zur Verwaltung und der Erwerbsbevölkerung Deutschland? Sind Start-ups wirklich so vielfältig aufgestellt, wie gemeinhin angenommen wird? Welche Herausforderungen in der Zusammenarbeit gibt es für beide Seiten? Um zu mehr Kollaboration zu gelangen, die Unternehmen und Verwaltung zusammenbringt und das „Cultural Gap“ zwischen beiden Welten verkleinert, identifizieren wir Forderungen aus der Praxis der aktuellen Zusammenarbeit von Start-ups und Verwaltung, die Diversität beflügeln und aufzeigen, welche Potenziale in den wahrgenommenen Unterschieden von Start-ups und Verwaltung liegen.

Die Innovationskraft von Start-ups

Innovation, Technologienutzung und die kollaborative Gestaltung der Zukunft sind wertvolle Beiträge zur Gesellschaft. Sie stärken die Zukunftsfähigkeit Deutschlands, tragen zu höheren Steuereinnahmen und allgemeiner Standortattraktivität bei. Kreative Start-ups, laut Professor Dr. Tobias Kollmann Unternehmen bis zu zehn Jahre alt mit skalierbaren und idealerweise innovativen Geschäftsideen, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Ihr Erfindergeist setzt wichtige Impulse, um Rohstoffe nachhaltig zu nutzen und Effizienz durch Technologien wie künstliche Intelligenz zu steigern.

Der European Startup Monitor hebt hervor, dass Start-ups, die in der Regel externe Investoren haben, selbst in frühen Phasen Arbeitsplätze schaffen und somit für die deutsche Wirtschaft von großer Bedeutung sind. Government Technologies (GovTechs), zu denen Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen sowie Firmen gehören, die sich auf die öffentliche Verwaltung oder die Entwicklung von Technologien für den öffentlichen Sektor konzentrieren, spielen eine entscheidende Rolle. Mit etwa 300 GovTech Start-ups in Deutschland tragen ihre Lösungen zum Mehrwert für den öffentlichen Sektor (B2G2C – Business to Government to Citizen) bei und steigern die Effizienz der Verwaltung (B2G – Business to Government).

Die Zusammenarbeit mit GovTechs erweist sich für den öffentlichen Sektor als vorteilhaft, da sie die Innovationskraft und Flexibilität der Start-ups nutzen können, um neue Technologien und Innovationen einzuführen. Der Begriff „GovTech“ umfasst die Komplexität der öffentlichen Verwaltung, die Bereiche wie Bildung, Gesundheitswesen, Soziales, Bau, Sicherheit und Verkehr umfasst. GovTechs orientieren sich an den Strukturen der Verwaltung und fallen unter Kategorien wie HealthTech, EduTech, AgeTech und schließen sogar FinTechs ein, die einen Mehrwert für Einrichtungen wie Kämmereien bieten. Dieses dynamische Ökosystem spiegelt die facettenreiche Natur der Verwaltung wider und verspricht fortschreitende Entwicklungen in verschiedenen Sektoren.

Diversity in Start-ups im Vergleich zur Verwaltung und Erwerbsbevölkerung

GovTech-Start-ups gelten als treibende Kraft der Innovation, unverzichtbar für die digitale Transformation des öffentlichen Sektors, so das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Die Verbindung von Innovation und Vielfalt ist dabei entscheidend, da diverse Teams besser auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen eingehen können. Start-ups werden oft als besonders vielfältig wahrgenommen, was einen genaueren Blick auf die Diversität von 1.976 Start-ups, 4.815 Gründer:innen und 34.539 Mitarbeiter:innen erfordert.

Im Bereich der sozialen Herkunft zeigt sich, dass 87,2% der Gründer:innen einen Hochschulabschluss haben, hauptsächlich in MINT-Fächern und Wirtschaftswissenschaften. Dies steht im Kontrast zur allgemeinen Erwerbsbevölkerung. Das Durchschnittsalter der Gründer:innen liegt mit 36,4 Jahren deutlich unter dem der Selbstständigen und der öffentlichen Verwaltung.

In puncto ethnischer Herkunft und Nationalität sind Gründer:innen in Deutschland mehrheitlich Deutsche (84,1%), wobei die Zahl der Gründer:innen mit Migrationshintergrund nur leicht unter dem Durchschnitt der Erwerbsbevölkerung liegt. Ein Viertel der Mitarbeitenden in Start-ups stammt aus dem Ausland. Beim Geschlecht zeigt sich ein Anstieg von Gründerinnen auf 20,3%, obwohl männlich dominierte Teams noch die Regel sind. Die Durchschnittsgründerin ist jünger als der Durchschnitt der Erwerbsbevölkerung, und der Frauenanteil unter 30 Jahren ist höher als bei Männern.

Trotz dieser Unterschiede zwischen Start-ups und der allgemeinen Erwerbsbevölkerung sind beide Seiten in ihrer eigenen Art geschlossen und wenig divers. Der durchschnittliche Start-up-Gründer ist männlich, geboren 1985, mit deutscher Staatsangehörigkeit, MINT-Abschluss und Sitz in Nordrhein-Westfalen. Die durchschnittliche Verwaltungsmitarbeiterin hingegen ist weiblich, ohne Migrationshintergrund, geboren 1979, mit Studienabschluss und arbeitet in der Bundesverwaltung.

Die Unterschiede in der Arbeitsweise zwischen Start-ups und Verwaltung liegen in der Unternehmenskultur, Prioritätensetzung, Innovationsbereitschaft, Auswahl von Personal und Kund:innenorientierung. Während Start-ups auf Diversität, Innovation und Agilität setzen, zeichnet sich die Verwaltung durch Strukturen, Prozesse und Neutralität aus. Eine Kombination der Arbeitsweisen kann zu mehr Diversity führen und beide Seiten voneinander lernen lassen.

Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Start-ups

Die scheinbar ideale Partnerschaft zwischen Start-ups und der Verwaltung für die digitale Transformation birgt aktuell noch einige Herausforderungen. Obwohl beide Seiten viel Potenzial für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mitbringen, zeigt eine Studie des Bundesverband Deutsche Startups e. V. aus 2022, dass nur 4,4% der Gesamtumsätze von Start-ups aus öffentlichen Aufträgen stammen.

Eine entscheidende Hürde ist die Beschaffung und Vergabe, die laut der Untersuchung für 76,1% der Start-ups eine zentrale Herausforderung darstellt. Obwohl nur 21,4% der befragten Start-ups sich überhaupt um öffentliche Aufträge beworben haben, sehen sie die Vereinfachung dieses Prozesses als Schlüssel zur Stärkung der Zusammenarbeit.

Die Gründe für die bisher geringe Kooperation lassen sich in Undurchsichtigkeit, kulturellem Unverständnis und wechselseitig wahrgenommenen Risiken zusammenfassen. Start-ups leiden unter undurchsichtigen Ausschreibungsunterlagen und langwierigen Beschaffungszyklen, während die Verwaltung Schwierigkeiten hat, den Überblick über den dynamischen Tech-Markt zu behalten. Kulturelle Unterschiede in den Arbeitsweisen erschweren zudem die Zusammenarbeit, da Ausschreibungen oft mehr organisatorischen Aufwand als inhaltliche Fragestellungen betonen.

Ein weiterer Punkt ist das wahrgenommene Risiko. Für Start-ups, die schnell handeln müssen, sind lange Prozesse und Unsicherheiten in der Auftragsvergabe existenzbedrohend. Gleichzeitig zögert die Verwaltung aufgrund der Abhängigkeit von weiteren Kapitalgeber-Runden, das Risiko hinsichtlich der Kontinuität in der Leistungserbringung einzugehen.

Die Herausforderungen liegen somit in der Schaffung von Transparenz, dem Abbau von kulturellen Barrieren und dem Verständnis für die Bedürfnisse und Risiken beider Seiten. Eine effiziente Zusammenarbeit erfordert die Überwindung dieser Hürden, um die Potenziale beider Partner bestmöglich zu nutzen.

Forderungen zur Entfaltung des Potenzial der Zusammenarbeit

Es gibt viele Unterschiede zwischen Start-ups und Verwaltung. Risiken werden von beiden Seiten gesehen. Und schlussendlich könnten beide Seiten fragen: Warum sollten wir eigentlich zusammenarbeiten? Start-ups machen bisher kaum Umsatz mit Aufträgen aus der Verwaltung. Die Verwaltung setzt auf Sicherheit. Und gleichzeitig stehen wir vor einem großen Fachkräftemangel. „Über eine Millionen Fachkräfte könnten dem öffentlichen Sektor im Jahr 2030 fehlen.“, sagt die Fachkräftestudie von PricewaterhouseCoopers (2022). Schlussendlich geht es um nicht weniger als „die Frage, ob der öffentliche Sektor seine Kernaufgaben in Zukunft noch erfüllen kann“ (Volker Halsch). Die Gesellschaft wird zudem immer inklusiver und diversifizierter, Fragestellungen werden immer komplexer. Die Nutzung und der Einsatz von Produkten von Start-ups und auch die Zusammenarbeit mit ihnen unterstützt die Verwaltung, zu digitalisieren.  Schlussendlich können die verschiedenen Akteur:innen durch die jeweils andere Arbeitsweise voneinander lernen, um Unsicherheit, Komplexität und Risiken zu entgegnen. Langfristig – und um auch das Potenzial von Diversity in der Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Verwaltung auszuschönen – muss Kollaboration viel stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Verwaltung entwickelt sich weiter zur „Kollaborativen Verwaltung“, die ganzheitlich auf die Digitale Transformation fokussiert. Gemeinsame Ziele, die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und der Ausbau von Methoden über die organisatorischen Verwaltungsgrenzen hinweg sind im Fokus. Neue Strukturen müssen geschaffen, Prozesse angepasst und Strategien langfristig entwickelt und fortlaufend iteriert werden. Die Verwaltung kann Partnerschaften und Kooperationen mit Start-ups nutzen, um selbst Diversity zu fördern und sicherzustellen. Um das Potienal, welches im Unterschied liegt und durch die Kollaboration von Start-ups und Verwaltung begünstigt wird, zu entfalten, müssen die folgenden Forderungen umgesetzt werden.

Forderung 1: Ausgründungen aus der Verwaltung

Forderung 2: Mentoring zum Voneinander lernen

Forderung 3: Neue Arbeitsräume, die Zusammenarbeit ermöglichen

Forderung 4: Die Herausforderung steht im Mittelpunkt, nicht die Lösung 

Forderung 5: Wissensmanagement, über Verwaltungsgrenzen hinweg 

Forderung 6: Keine neuen Prozesse – weder in der Vergabe noch in anderen Bereichen

Forderung 7: Fehler sind gut, wenn man davon lernt

Forderung 8: Projektbezogene Förderprogramme für mehr Diversität bei Start-ups

Forderung 9: Partnerschaften ausbauen

Forderung 10: Wirtschaftlicher agieren

Erste Ansätze sind da! Lasst uns die Zusammenarbeit fördern

In Deutschland gibt es bereits erste Ansätze, die Verwaltung mit externen Sichten zu bereichern: Bürger:innenbeteilungen oder Wettbewerbe, die für alle Unternehmen offen sind. Diese ermöglichen die Potenziale aus beiden Welten – Verwaltung und Start-ups – zu nutzen.

Auch in anderen Ländern entwickelt sich die Verwaltung weiter zu mehr Inklusion. In Schweden wird das Konzept der „Gemeindeentwicklung“ umgesetzt, bei dem Gemeinden und andere Akteur:innen zusammenarbeiten, um lokale Probleme zu lösen und die Lebensqualität in der Gemeinde zu verbessern. „Malmö Innovation“ (Vgl. UNOPS GLOBAL INNOVATION CHALLENGE 2022 FOR STARTUPS 2022) ist ein Programm der Stadt Malmö, welches Start-ups und andere Akteure zusammenbringt, um gemeinsame Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln. In den USA gibt es z.B. das Konzept der „Gemeinde-Polizei-Partnerschaft“. Polizei und Gemeinden arbeiten zusammen, um für mehr Sicherheit zu sorgen.

Aus diesem Grund ist die Zusammenarbeit von Start-ups und der Verwaltung, die jeweiligen Perspektiven, aber auch der Technologieeinsatz, eine langfristig zielführend Ausrichtung, sich gegenseitig zu befruchten und damit Diversity mit Leben zu füllen. Eine kollaborative Verwaltung legt den Fokus auf Zusammenarbeit und Partnerschaft, richtet sich nach den verschiedenen Interessen und Perspektiven von verschiedenen Akteur:innen und setzt auf Dialog. Dadurch können alle Seiten voneinander lernen, ihre Erfahrungen teilen und gemeinsam Diversity praktisch erlebbar machen. Dieser Perspektivwechsel sorgt dafür, dass Diversity in der Arbeitsweise ausgebaut wird und letztlich sowohl Start-ups als auch Verwaltung diverser aufgestellt sein werden. Gegenseitiges Vertrauen und Respekt von allen Beteiligten in der Zusammenarbeit ist die Basis von Innovationen. Diese werden wir zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts in Deutschland und zur Zukunftsfähigkeit seiner Verwaltung zwingend brauchen.

Ihr wollt mehr zu den Forderungen und zum Potenzial im Unterschied erfahren?

Dieser Artikel wurde auch im Buch „Vielfalt in der öffentlichen Verwaltung – Strategien und Konzepte für ein wirksames Diversity Management in Kommunen, Ländern und Bund“ vertieft besprochen. Selbstverständlich sind wir direkt ansprechbar: Wir sind unter team @ teamjanze.com erreichbar.

In Deutschland gibt es bereits erste Ansätze, die Verwaltung mit externen Sichten zu bereichern: Bürger:innenbeteilungen oder Wettbewerbe, die für alle Unternehmen offen sind. Diese ermöglichen die Potenziale aus beiden Welten – Verwaltung und Start-ups – zu nutzen.

Jana Janze